Zeitzeugin Henriette Kretz erzählt den Q2 Schülerinnen und Schülern des AvH, wie sie als Kind die Shoa überlebte

 „Es waren Menschen, keine Ungeheuer“

Die Schüler der gesamten Q2 sitzen im Gewi-Raum versammelt. Es herrscht eine gewisse Grundlautstärke, viele kleine Gespräche, keiner ist wirklich ruhig. Bis eine Person den Raum betritt:  Henriette Kretz, Zeitzeugin aus der Zeit des Nationalsozialismus, braucht keine Worte. Ihre bloße Erscheinung genügt, um bei den Schülern Demut und Respekt hervorzurufen. Ab jetzt sollte keiner außer ihr für die nächsten Stunden mehr das Wort ergreifen.

Frau Kretz ist 83 und spricht gebrochenes Deutsch, aber jeder kann sie verstehen, jeder hört ihr aufmerksam zu. Als Schüler hat man mehr als nur einmal von Geschichten, Geschehnissen und Fallbeispielen aus der Zeit des NS gehört, doch der Bericht der Zeitzeugin ist mit dem alltäglichen Geschichtsunterricht nicht vergleichbar. Das Erste, was Frau Kretz sagt, als sie den Raum betritt ist, dass sie bitte keinen Applaus möchte.

Sie betont, ihre Geschichte ginge nicht um Krieg, sondern um Ausgrenzung, Vorurteile und Hass zwischen Menschen. Die vorbereitete PowerPoint-Präsentation beginnt mit Bildern ihrer Familie. „Ich hatte alles was ein Kind braucht.“, sagt sie. Ihre Mutter war Anwältin, die jedoch ihren Beruf niederlegte, nachdem ihre Tochter zur Welt kam, Fr. Kretz Vater war Arzt. Als der Krieg 1939 in Polen ankommt, geht er als Sanitäter zum Militär. Henriette Kretz war damals 5 Jahre alt. Je mehr Macht die Nazis in Polen bekamen, desto mehr Maßnahmen mussten sich Juden dort gefallen lassen. Sie mussten Armbinden zur Kennzeichnung tragen, jüdischen Kindern wurde es verwehrt in die Schule zu gehen. Kretz Vater durfte nur noch jüdische Patienten behandeln und schlussendlich kam es zu Abschiebungen der Juden in Ghettos. Die slawische Rasse galt als die Arbeiterrasse. Jegliche Bildung über Grundschule wurde verboten, Gymnasien und Universitäten geschlossen. Juden und Sinti und Roma waren nach der nationalsozialistischen Ideologie Untermenschen, Menschen die alle schlechten Eigenschaften, die jemand haben kann, besaßen. Ihnen wurde das Recht zu leben aberkannt. Es begann eine lange, unvorstellbare Leidenszeit für Familie Kretz. Henriette wurde von ihren Eltern getrennt, lebte bei einer katholischen Frau und ihrem Sohn. Immer wenn jemand klopfte, musste sie sich hinter einem Schrank verstecken. Irgendwann wurde sie entdeckt, woraufhin sie zwei oder drei Tage ins Gefängnis kam, bis ihre Eltern es möglich machten, sie zu ihnen ins Ghetto zu holen. Dort erinnert sie sich vor allem an ein Gefühl: Hunger.

Sie beschreibt keinen Hunger, wie wir ihn alle kennen. Sie beschreibt Hunger, der die Eingeweide schmerzen lässt. Tagelang mussten sie im Ghetto ohne Essen auskommen. Irgendwann konnten sie, aufgrund der guten Kontakte ihres Vaters, das Ghetto verlassen und sich bei einem ukrainischen Feuerwehrmann, dem der Vater einmal das Leben gerettet hatte, in dessen Kohlekeller verstecken. Monatelang dort, man konnte liegen, sitzen oder stehen, aber es gab keinen Platz sich zu bewegen. 1943 wurden sie entdeckt. Zwei deutsche Soldaten kamen und fragten ihren Vater, ob sie Juden seien. Ihr Vater stellte sich. Die Soldaten führten die Familie auf ein Feld und ihr Vater sagte ihr, sie solle weglaufen oder sie würde sterben. Also lief sie. Dann hörte sie Schüsse, die Schreie ihrer Mutter und später gar nichts mehr und sie wusste, dass sie keine Eltern mehr hatte. Doch sie lief einfach weiter ohne sich umzudrehen. „Ich habe mich noch nie so einsam gefühlt“, berichtet sie über ihre Gefühle. Und sie war neun Jahre alt,  ohne Eltern, ohne jemanden, der sich um sie kümmert. Sie wusste nicht was sie tun sollte, bis sie sich an eine Patientin ihres Vaters erinnerte, die Schwester in einem Waisenhaus war. Dort wurde sie versteckt und lebte dort, bis zur Befreiung Polens 1945. Nur ein Mann aus ihrer Familie hatte den Krieg überlebt, ihr Onkel Heinrich, zu dem sie später kam. Von da an konnte sie zur Schule gehen und ihren richtigen Namen nennen. Was Henriette Kretz berichtet, ist eine unglaublich berührende, traurige Geschichte, die die Grausamkeit des Krieges verdeutlicht. In nur drei Tagen wurden 160.000 Juden in Polen erschossen. Menschen erstickten in Zügen und verhungerten in den Ghettos.

Auf die Frage, ob Frau Kretz Hass auf die Deutschen empfinde, antwortet sie etwas, das aufgrund des ihr Erlebten unvorstellbar klingt.

„Etwas habe ich gelernt: Hass ist dumm. Menschen, die hassen, sehen nicht, spüren nur Hass. Das führt zu gar nichts.“

An Aussagen wie dieser kann man erkennen, wie menschlich und intelligent diese Frau ist. „Niemand ist als Mörder geboren“ und „Ich bin bereit mit Menschen zu sprechen“ sind weitere Zitate. Nach allem was sie erlebt hat, was ihr angetan wurde, ist sie weder verbittert noch hasserfüllt. Sie ist bereit zu vergeben und zu reden. Eine Frage wird ihr gestellt, über die wahrscheinlich jeder nachdenkt. Was denkt und fühlt jemand, der das Alles erlebt hat, darüber, dass rechtes Gedankengut zurück in die Politik kommt? Frau Kretz: „Wir sind alle beeinflusst von Leuten, die große Reden halten und so unsere politische Meinung formen. Aber es sind Menschen, die nur an sich selbst denken.“ Genau so sei es auch im „Dritten Reich“ gewesen und das sei gefährlich. Sie halte ihre Vorträge, um an die Ideologie und Taten der Nationalsozialisten zu erinnern.

„Fällt es ihnen schwer nach Deutschland zurückzukehren?“, fragt ein Schüler. „Warum sollte es mir schwer fallen? Die Menschen, die jetzt hier sind, haben mir gar nichts getan. Nicht die Kinder sind verantwortlich für die Eltern, sondern die Eltern für ihre Kinder.“ Die Art, wie sie diese Fragen beantwortet, ist beeindruckend für ihre Zuhörer. Sie hat so viel durchgemacht und trotzdem ist sie bereit zu vergeben und bereit, Aussagen wie diese zu treffen. Es fällt außerdem auf, dass Frau Kretz sich nicht gegenüber anderen Menschen herausstellt. „Das ist nicht meine Geschichte, sondern die von Tausenden Juden auf der ganzen Welt.“

Ihre Worte sind wichtig für eine ganze Generation. Wir können aus ihren Erlebnissen lernen und wir sind vielleicht einige der letzten, die das können. Darum sind die Zeitzeugengespräche so wichtig und wirken.

Der Dank für die Verwirklichung des Zeitzeugengesprächs gilt der Geschichtslehrerin Frau Hansen, die für die Organisation verantwortlich war, der Max-Kolbe-Stiftung und zuletzt selbstverständlich Frau Kretz, der wir wünschen, dass sie in Zukunft noch viele solcher Gespräche führen kann.

 

12.12.2017, Lena Müller und Gabriele Zienke, beide Q2

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